Ich bin in Berlin Marzahn groß geworden, damals noch in der DDR. Als wir dort 1981 hinzogen, standen bereits viele der charakteristischen Plattenbauten. Riesige rechteckige Betonklötze in grau, „Elfer“ nannten wir sie, weil sie meist elf Stockwerke hoch waren, wie gigantische Wespennester wirkten sie. Marzahn war Ende der 70er als Großwohnprojekt geplant, Viele, auch wir, zogen dorthin in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit der Wende kam dann die Armut. Nach der Auflösung der DDR verloren viele Familien ihre Arbeit, Erspartes wurde entwertet. Mein Großvater verlor über Nacht seine gesamte Existenz. In der DDR war er ein hochrangiger Offizier beim Militär. Danach verbrachte er den Rest seines Lebens damit Hauseingänge zu putzen, räumte Regale im Supermarkt ein. Bis er 75 Jahre alt war tat er das.Mit der BRD wurde Marzahn zum sozialen Brennpunkt. Auf Wikipedia steht heute: „Zusätzlich haftet besonders Marzahn immer noch ein negatives und fremdenfeindliches Image an.“ Tatsache war, dass wir zwischen Nazis aufgewachsen sind. Am Jahrestag von Adolf Hitlers Geburtstag wurden wir in der Schule von den Lehrern gebeten, ohne Umwege nach Hause zu laufen. An diesen Tagen zogen offenbar Hooligans durch die Straßen, gesehen habe ich die aber nie. Ich hab trotzdem mehrfach auf die Fresse bekommen, weil mich Skinheads abziehen wollten. Aber was gab es schon zu holen. Wir alle hatten nichts, sowas wie Taschengeld war bei uns nicht drin. Einer von uns hat irgendwann ein Butterfly-Messer mitgebracht, geklaut vom älteren Bruder. Jetzt würde uns niemand mehr Angst machen, meinte er. Beim ersten ersten Versuch das Ding aufzuklappen, hab ich mir direkt in die Hand geschnitten. Soviel zum Angst machen. Ich hatte später gehört, dass er als Teenager zu den Hells Angels gegangen ist, wie sein Bruder auch. Die Angels hingen oft vor Jugendclubs ab. Viele von uns suchten sich dort Vorbilder, die ihnen zu Hause fehlten.Auf Spielplätzen haben wir uns getroffen, haben kleine Schnapsflaschen von Kümmerling ge-ext. Scheußliches Zeug, aber alle haben es gemacht, also konnte ich nicht kneifen. Als ich mit 10 das erste mal betrunken nach Hause kam, hat meine Mutter nur gelacht. Erste Zigarette mit elf, damals noch auf Backe, also ohne den Rauch einzuatmen, weil irgendwer sagte, man würde nicht süchtig nach Nikotin werden, wenn man alles wieder auspustet. Wir fühlten uns trotzdem cool. Wir haben geklaut. Wie die Raben. Richtige Challenges haben wir daraus gemacht, nur um zu sehen, wer die krasseste Beute aus dem Laden ergattert. Einer von uns, ich weiß nicht mehr wie er hieß, hatte irgendwann einen Baseballschläger aus dem Supermarkt rausgeholt. Damit war er der King und das Spiel irgendwie ausgespielt. Als das nicht mehr kickte, fingen wir an Mercedes-Sterne und andere Marken von Autos zu brechen, weil man die für ein paar D-Mark verscherbeln konnte. Das ging oft „gut“, bis wir erwischt wurden. Die Polizei kam, einer nach dem anderen musste von den Eltern abgeholt werden. Als wir nach Hause kamen, hat mich mein Vater grün und blau geprügelt.Geschlagen wurde jeder aus unserer Clique. Unsere Eltern hatten es von ihren gelernt, die im Krieg traumatisiert wurden. Für uns war das normal. Bis auf Ronny. Seine Eltern waren eh nie zu Hause. In der Wohnung seiner Eltern roch es immer nach nassem Hund und Erbrochenem, überall lag Müll. Meist hingen wir dort ab, haben B-Movies und Horrorfilme geguckt oder im Flur Federball gespielt. Einmal flog der Ball in eine Kiste, in der Ronnys Meerschweinchen auf engstem Raum vor sich hin vegetierten und hatte offenbar eines davon erschlagen. „Ist egal. Sind eh zu viele“, sagte er und setzte direkt den Schläger wieder an.Ich hab lange nicht mehr an damals gedacht, geschweige denn darüber gesprochen. Heute ist mein Leben so anders, es gibt selten einen Grund an früher zu denken. Das wirkt alles so fern, dass ich mich manchmal frage, ob das überhaupt alles passiert ist. Und doch ist genau heute all das wieder zurück gekommen, als ich im Kino saß und „Sonne und Beton“ gesehen habe. Es passiert selten, dass Filme mich auf einer derart persönlichen Ebene berühren.Vermutlich macht„Sonne und Beton“ mit mir nochmal etwas mehr, als mit dir. Aber es spricht für die Authentizität mit der die Milieustudie von Felix Lobrecht erzählt ist. Wunderbar natürlich und ehrlich wirkt das, ein bisschen wie „Kids“ damals, nur ohne den Sex, dafür mit mehr Ghetto. Auch weil die Darsteller irre gut spielen, die Manierismen der kleinen Macker mich an Ronny und den Butterfly-Jungen und den Baseballschläger-King erinnern. Und weil eine der späteren Szenen in genau dem China-Restaurant spielt, das schon seit Anfang der 90er am Bahnhof Marzahn steht und in dem wir jahrelang den Geburtstag meines Großvaters gefeiert haben und in dem ich erst letzte Woche wieder saß, weil er 92 Jahre alt geworden ist.Filmkritik ist immer subjektiv, aber mehr noch als andere Filme, lässt sich „Sonne und Beton“ für mich unmöglich „objektiv“ bewerten, weil ich wie zurück katapultiert wurde. Und das ist vielleicht das größte Lob, das ich vergeben kann, für einen deutschen Film, noch dazu geschrieben von einem StandUp-Comedian, dem ich im Leben nicht diese Bandbreite an Gefühl, Milieuverständnis und dramaturgischer Klasse zugetraut hätte. Wie sehr ich mich doch geirrt habe. Das hier ist ganz, ganz groß!Für mich der beste deutsche Film seit Jahren.














