Kino 2026 №9Ich hasse alles in diesem Film.Ich sitze im vollen Kinosaal. Vorpremiere. Im Anschluss angekündigt: ein Nachgespräch mit Rosalie Thomass, Hauptdarstellerin, Drehbuchautorin, Initiatorin der Verfilmung. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was kommt. Ist ein Geburtstagsgeschenk. Zugegeben, außer dem Titel und dem Versprechen auf ein Kennenlernen mit einer mitwirkenden Person, weiß auch meine Frau nicht mehr. Ich bin einer der wenigen Männer an diesem Abend. Und was jetzt kommt, ist unheimlich schwer auszuhalten. Für jede Frau in diesem Saal. Für mich als Mann auch - nur anders. Dabei ist die Art, wie Aron Lehmann seinen Film filmt gar nicht mal so trüb. Da steckt viel Poesie in der Realität, viel Leichtigkeit in der Schwere. Das sorgt oft für ein Lächeln. Was würde Cornelia, dieser zauberhaften, starken, hoffnungsvollen, aber systematisch gefangenen Frau sonst gerecht werden? Die eigentliche Abenteurerin war immer Mama, sagt Ela, dieses kluge Kind, das uns durch die Geschichte führt, über ihre Mutter. Und da schnürt es dir schon die Kehle zu, weil du siehst, wie sie gefangen ist in einer unglücklichen Ehe, in einem Abhängigkeitsverhältnis. Sozial isoliert, zur Care Arbeit genötigt. Alleine gefangen, nur mit den Kindern. Und wenn sie, diese eigentliche Abenteurerin, ihr zweites Kind im Arm hält und ihr Gesicht dir alles erzählt über die Verzweiflung, über die Bürde, über den Wunsch einfach eine autarke Person zu sein, dann geht die Schnur um deine Kehle noch ein bisschen enger. Und noch enger und enger mit jeder Mikro- und jeder Makroaggression, mit jeder Schuldzuweisung, mit jedem Bodyshaming, mit jedem Gaslighting. Und du sitzt da und du wünscht dir so sehr, dass da nun endlich der Aufstand initiiert ist, aber es kommt nichts, keine Hilfe von außen, keine von innen. Stattdessen lächeln und winken.Und das tut sehr weh. Ich sitze zwischen all den Frauen an meinem Geburtstag in der Vorpremiere von Lügen über meine Mutter und werde wütend. Das ist ja kein verstaubter Blick in die Achtziger. Da steckt ja so viel Heutiges drin. Ich reflektiere mich und frage mich, wie ich diesem System noch mehr entgegensetzen kann. Ich weiß, viele Männer werden das verlachen, aber eure Frauen eben nicht. Wenn ich auf den einzelnen Platz zwei Sitze weiter schaue und eine junge Frau sehe, die die komplette Laufzeit durchgeweint hat, dann sehe ich eine Frau, die durch ein Stück Film eine Konsequenz gezogen hat. Die auch mit voller Wucht gegen die Glasscheibe schlagen möchte. Wie wunderschön ist das denn bitte, dass du alleine ins Kino gehst, und am Ende fangen dich wildfremde Personen auf? Es braucht so viel mehr Solidarität unter Frauen. Kämpft, kämpft zusammen, kämpft weiter. Heute ist es ein Stückchen besser, aber diese Freiheiten sind nicht in Stein gemeißelt. Sie wollen sie euch nehmen, die Werners unserer Welt. Kommt zusammen und kämpft. Und wir Männer, die mit der zugeschnürten Kehle, wir werden mitmachen. Oder, wie Rosalie Thomass später meinte: Feminismus ist der extreme Gedanke, dass Frauen auch Menschen sind.Ich hasse alles in diesem Film, aber ich liebe alles an diesem Film.◽Lügen über meine Mutter ist Teil der Deutschland-Challenge 3: Auf zum DACH der Welt der LB-FilmcrewLügen über meine Mutter ist außerdem Teil der Monatschallenge Oktober 2026: Die große Medienflucht von Floh Dambrosio













